Schichtenprinzip (OSI-Idee)
Warum Netzwerke in Schichten gedacht werden
Schichtenprinzip (OSI-Idee)
Einführung
In der vorherigen Lektion haben Sie gelernt, wie Daten in mehreren Schichten verpackt werden. In dieser Lektion lernen Sie, warum Netzwerke in Schichten gedacht werden - und wie das OSI-Modell diese Struktur beschreibt.
Wichtig: Sie müssen das OSI-Modell nicht auswendig lernen. Es geht um das Prinzip und Verständnis.
Warum Netzwerke in Schichten gedacht werden
Das Problem ohne Schichten
Stellen Sie sich vor, jede Anwendung müsste alles selbst machen:
Browser müsste:
1. HTML rendern
2. TCP-Verbindung aufbauen
3. IP-Pakete routen
4. Ethernet-Frames erstellen
5. Elektrische Signale erzeugen
6. Fehler erkennen und korrigieren
7. Verschlüsselung implementieren
8. ...
E-Mail-Programm müsste:
1. E-Mails formatieren
2. TCP-Verbindung aufbauen
3. IP-Pakete routen
4. Ethernet-Frames erstellen
5. Elektrische Signale erzeugen
6. Fehler erkennen und korrigieren
7. ...
Problem:
- ❌ Viel Duplikation - jede Anwendung macht dasselbe
- ❌ Komplexität - jeder muss alles können
- ❌ Fehleranfällig - viele verschiedene Implementierungen
- ❌ Inflexibel - Änderungen betreffen alles
Die Lösung: Schichtenmodell
Idee: Teile komplexe Aufgaben in spezialisierte Schichten
Anwendung (Browser): "Ich brauche eine Webseite"
↓
Transport (TCP): "Ich stelle zuverlässige Verbindung her"
↓
Vermittlung (IP): "Ich finde den Weg zum Zielgerät"
↓
Sicherung (Ethernet): "Ich übertrage zum nächsten Gerät"
↓
Bitübertragung (Kabel): "Ich sende elektrische Signale"
Vorteil:
- ✅ Keine Duplikation - jede Schicht einmal implementiert
- ✅ Spezialisierung - jede Schicht macht eine Sache gut
- ✅ Wiederverwendung - alle Anwendungen nutzen dieselbe Infrastruktur
- ✅ Flexibilität - Schichten können unabhängig geändert werden
Das OSI-Modell (Überblick)
Was ist das OSI-Modell?
OSI = Open Systems Interconnection
- Entwickelt von ISO (International Organization for Standardization)
- Referenzmodell für Netzwerkkommunikation
- 7 Schichten mit klaren Aufgaben
- Nicht die einzige Möglichkeit, aber sehr verbreitet
Wichtig: OSI ist ein Konzept, kein konkretes Protokoll!
Die 7 Schichten im Überblick
7. Anwendung (Application) → Benutzer-Anwendungen
6. Darstellung (Presentation) → Datenformatierung
5. Sitzung (Session) → Verbindungsverwaltung
4. Transport (Transport) → Zuverlässige Übertragung
3. Vermittlung (Network) → Routing zwischen Netzen
2. Sicherung (Data Link) → Lokale Übertragung
1. Bitübertragung (Physical) → Physische Signale
Merkhilfe (von unten nach oben): "Please Do Not Throw Sausage Pizza Away"
Oder auf Deutsch (von oben nach unten): "Alle Deutschen Studenten Trinken Verschiedene Sorten Bier"
Aufgabe jeder Schicht (Überblick)
Schicht 1: Bitübertragung (Physical Layer)
Aufgabe: Übertragung von Bits als physische Signale
Was passiert hier:
- Umwandlung von Bits in elektrische/optische/Funk-Signale
- Definition von Kabeln, Steckern, Spannungen
- Übertragungsrate (z.B. 1 Gbit/s)
Beispiele:
- Ethernet-Kabel (Kupfer)
- Glasfaser (Licht)
- WLAN (Funkwellen)
- USB
Gerät: Repeater, Hub (verstärken nur Signale)
Analogie: Die Straße, auf der LKWs fahren
Schicht 2: Sicherung (Data Link Layer)
Aufgabe: Fehlerfreie Übertragung zwischen direkt verbundenen Geräten
Was passiert hier:
- Bildung von Frames (Rahmen)
- MAC-Adressierung (wer ist lokal wo?)
- Fehlererkennung (CRC-Prüfsumme)
- Zugriffskontrolle (wer darf wann senden?)
Beispiele:
- Ethernet
- WLAN (WiFi)
- PPP (Point-to-Point Protocol)
Gerät: Switch, Bridge
Analogie: Die Hausnummer und Straße für lokale Zustellung
Schicht 3: Vermittlung (Network Layer)
Aufgabe: Routing zwischen verschiedenen Netzwerken
Was passiert hier:
- Bildung von Paketen
- IP-Adressierung (globale Identifikation)
- Routing (Wegewahl)
- Fragmentierung (große Pakete zerlegen)
Beispiele:
- IPv4
- IPv6
- ICMP (Ping)
Gerät: Router
Analogie: Die Postleitzahl und überregionale Route
Schicht 4: Transport (Transport Layer)
Aufgabe: Zuverlässige oder schnelle Ende-zu-Ende-Übertragung
Was passiert hier:
- Bildung von Segmenten
- Port-Adressierung (welche Anwendung?)
- Verbindungsaufbau (TCP)
- Flusskontrolle (nicht zu schnell senden)
- Fehlerkorrektur (verlorene Pakete wiederholen)
Beispiele:
- TCP (zuverlässig, geordnet, langsamer)
- UDP (schnell, unzuverlässig, ohne Garantie)
Analogie: Tracking-Nummer und Zustellbestätigung
Schicht 5: Sitzung (Session Layer)
Aufgabe: Verwaltung von Sitzungen (Verbindungen)
Was passiert hier:
- Sitzungsaufbau und -abbau
- Synchronisation (Checkpoints bei langen Übertragungen)
- Dialog-Steuerung (wer darf wann senden?)
Beispiele:
- NetBIOS
- RPC (Remote Procedure Call)
Hinweis: In der Praxis oft in Schicht 4 oder 7 integriert
Analogie: Die Gesprächsführung bei einem Telefonat
Schicht 6: Darstellung (Presentation Layer)
Aufgabe: Daten-Formatierung und -Konvertierung
Was passiert hier:
- Kodierung (z.B. ASCII, Unicode)
- Kompression (z.B. ZIP)
- Verschlüsselung (z.B. TLS)
- Formatkonvertierung (z.B. JPEG, PNG)
Beispiele:
- TLS/SSL (Verschlüsselung)
- MIME (E-Mail-Anhänge)
- JPEG, PNG (Bildformate)
Hinweis: In der Praxis oft in Schicht 7 integriert
Analogie: Übersetzer zwischen verschiedenen Sprachen
Schicht 7: Anwendung (Application Layer)
Aufgabe: Schnittstelle zu Benutzer-Anwendungen
Was passiert hier:
- Protokolle für spezifische Anwendungen
- Dienste für Benutzer
- Daten-Austausch zwischen Anwendungen
Beispiele:
- HTTP/HTTPS (Webseiten)
- FTP (Dateiübertragung)
- SMTP (E-Mail versenden)
- DNS (Namensauflösung)
- SSH (Remote-Zugriff)
Analogie: Der Postschalter, an dem Sie Ihr Paket aufgeben
Visualisierung: Daten durch die Schichten
Beim Sender (Encapsulation - Verpackung)
7. Anwendung: HTTP-Anfrage erstellen
"GET /index.html"
↓
6. Darstellung: (optional) Verschlüsseln/Komprimieren
↓
5. Sitzung: (optional) Sitzung verwalten
↓
4. Transport: TCP-Header hinzufügen
[TCP-Header | HTTP-Anfrage]
↓
3. Vermittlung: IP-Header hinzufügen
[IP-Header | TCP-Header | HTTP-Anfrage]
↓
2. Sicherung: Ethernet-Header + Trailer hinzufügen
[ETH | IP | TCP | Daten | FCS]
↓
1. Bitübertragung: Als Bits übertragen
010101001010...
Beim Empfänger (Decapsulation - Auspacken)
1. Bitübertragung: Bits empfangen und interpretieren
010101001010...
↓
2. Sicherung: Ethernet-Header entfernen, Prüfsumme prüfen
[IP | TCP | Daten]
↓
3. Vermittlung: IP-Header entfernen, Routing-Entscheidung
[TCP | Daten]
↓
4. Transport: TCP-Header entfernen, Reihenfolge prüfen
[Daten]
↓
5. Sitzung: (optional) Sitzung verwalten
↓
6. Darstellung: (optional) Entschlüsseln/Dekomprimieren
↓
7. Anwendung: HTTP-Anfrage verarbeiten
"GET /index.html" → Webseite senden
Warum Schichten Fehlersuche ermöglichen
Problem ohne Schichten
"Das Internet funktioniert nicht!"
→ Wo ist das Problem?
→ Alles überprüfen?
→ Keine systematische Vorgehensweise
Mit Schichten: Systematische Fehlersuche
Beispiel: Webseite lädt nicht
Schritt 1: Bitübertragung prüfen
Ist das Kabel angeschlossen?
Leuchten die Link-LEDs?
→ Ja → Schicht 1 OK
→ Nein → Kabel/Port-Problem
Schritt 2: Sicherung prüfen
Empfängt die Netzwerkkarte Frames?
Sind MAC-Adressen richtig?
→ Ja → Schicht 2 OK
→ Nein → Switch/VLAN-Problem
Schritt 3: Vermittlung prüfen
Kann ich den Router pingen?
Ist die IP-Konfiguration korrekt?
→ Ja → Schicht 3 OK
→ Nein → Routing/IP-Problem
Schritt 4: Transport prüfen
Ist der Port offen?
Funktioniert TCP-Verbindung?
→ Ja → Schicht 4 OK
→ Nein → Firewall/Port-Problem
Schritt 5: Anwendung prüfen
Ist der Webserver erreichbar?
Antwortet er auf HTTP?
→ Ja → Schicht 7 OK
→ Nein → Server/DNS-Problem
Vorteil: Eingrenzen des Problems
Ohne Schichten:
"Irgendwas funktioniert nicht"
→ Alles überprüfen (ineffizient)
Mit Schichten:
Schicht 1-3 OK, Schicht 4 Problem
→ Firewall/Portproblem (gezielt beheben)
Praxis: TCP/IP-Modell (vereinfacht)
OSI vs. TCP/IP
In der Praxis wird oft das TCP/IP-Modell verwendet (4 Schichten):
| TCP/IP-Schicht | OSI-Schichten | Beispiele |
|---|---|---|
| Anwendung | 7, 6, 5 | HTTP, FTP, DNS |
| Transport | 4 | TCP, UDP |
| Internet | 3 | IP, ICMP |
| Netzzugang | 2, 1 | Ethernet, WLAN |
Warum vereinfacht?
- Schichten 5-7 werden oft zusammengefasst
- Praktischer und einfacher zu verstehen
- Entspricht tatsächlicher Implementierung
Praktische Zuordnung
Wenn Sie mit Netzwerken arbeiten, denken Sie an:
7. Anwendung: HTTP, DNS, SSH
4. Transport: TCP (zuverlässig), UDP (schnell)
3. Internet: IP (IPv4/IPv6)
2. Sicherung: Ethernet, WLAN
1. Physisch: Kabel, Funk
Schichten 5-6 sind oft in Anwendungen integriert (z.B. TLS in HTTPS).
Zusammenfassung
Kernkonzepte
1. Warum Schichten?
- Komplexität wird aufgeteilt
- Spezialisierung ermöglicht
- Wiederverwendung von Funktionen
- Unabhängige Entwicklung
2. OSI-Modell (7 Schichten)
- Referenzmodell für Netzwerke
- Klare Aufgabenteilung
- Von Physisch (1) bis Anwendung (7)
3. Aufgaben der Schichten
- 1-2: Lokale Übertragung (Bits, Frames, MAC)
- 3: Routing zwischen Netzen (IP)
- 4: Zuverlässige Übertragung (TCP/UDP, Ports)
- 5-7: Anwendungen (HTTP, DNS, etc.)
4. Fehlersuche mit Schichten
- Systematisch von unten nach oben
- Eingrenzen des Problems
- Gezieltes Beheben
Warum das wichtig ist
Ohne Schichten:
- ❌ Keine Struktur
- ❌ Ineffiziente Fehlersuche
- ❌ Duplikation von Funktionen
Mit Schichten:
- ✅ Klare Struktur
- ✅ Systematische Fehlersuche
- ✅ Wiederverwendbare Komponenten
- ✅ Flexibilität bei Änderungen
Ausblick
In der nächsten Lektion lernen Sie:
- Dateneinheiten im Detail: Frame, Paket, Segment
- Wer verwendet was und warum
- Praktische Unterschiede
Merksatz: Netzwerke sind wie ein Hochhaus - jede Etage hat ihre Aufgabe, aber alle arbeiten zusammen!